10. Geburtstag

 

Rede von Carola Stumbaum-Schöngut gehalten zum 10. Geburtstag

 

Liebe Gäste, Mitglieder und Freunde, liebe Kinder,

Es war einmal ein kleines grünes Häuschen in einem Ort, gar nicht weit von hier. Dieser Ort heißt Höhenberg. Eines Tages im Herbst vor 10 Jahren wurde dieses Hüttchen mit neuem Leben gefüllt. Für 7 Kinder wurde es die Heimstatt für ihre Spielgruppe. Drei Mal in der Woche kamen sie hier zusammen, spielten, sangen und hörten Geschichten von ihrer Kindergärtnerin Evi. Die Höhenberger Dorfbewohner freuten sich über diese kleine Kinderschar, und die Kinder schlossen bald Freundschaft mit Mensch und Tier auf ihren Spaziergängen.

Als dann der kalte Winter kam, war’s im Hüttchen nicht so recht warm, aber trotzdem gemütlich. Das fanden übrigens auch die Mäuse, die sich im Winter das Hüttchen mit den Spielgruppenkindern teilten.

Als Spielgruppe im grünen Hüttchen fand das seinen Anfang, was heute als Kindergarten seinen 10. Geburtstag feiert.

Dieser Waldorfkindergarten ist ein freier Kindergarten. Das heißt, niemand kann z.B. von der Gemeinde oder Kirche einen solchen Kindergarten fordern. Wenn er ihn will, so muss er selbst initiativ und tätig werden. Es braucht am Anfang also immer eine Initialkraft, einen Impuls, und wenn ich heute zurückschaue, so sehe ich, dass so ein Impuls auch die Eigenschaft hat, dass sich die Dinge immer so einfinden, wie sie notwendig sind.

Ein Kreis von Müttern hatte sich zwei Jahre lang regelmäßig getroffen und sich mit der Schrift Rudolf Steiners „Die Erziehung des Kindes“ beschäftigt. Aus dieser Arbeit heraus entstand dann unter uns Müttern der Wunsch, dass unsere Kinder in einen Waldorfkindergarten gehen sollten, und da es keinen in der Nähe gab, wurde der Wunsch zum Impuls: Wir gründen eine Spielgruppe. Höhenberg bot uns als Notunterkunft die grüne Baracke an, Rosmarie Reinehr kannte eine Erzieherin, die gerne für drei Tage in der Woche eine Waldorfspielgruppe führen wollte. Diese Erzieherin war Evi Schmölz.

Ein Trägerverein – der Förderkreis für Waldorfpädagogik – wurde gegründet, und die grüne Baracke von den Eltern zum gemütlichen Spielgruppenhäuschen umgestaltet.

Da uns das grüne Hüttchen ja nur vorübergehend zur Verfügung gestellt werden konnte, machten wir uns auch sehr bald wieder auf die Suche nach einer dauerhaften Bleibe. In Polding bei Schwindegg fanden wir eine ehemalige Arztpraxis in einem verlassenen Haus, mit einem schönen Garten und weitem Blick über die Felder. Etliche Umbauarbeiten waren zu bewerkstelligen, und im März zog die Spielgruppe dann nach Polding um.

Auch die Kinderschar wuchs. Im Herbst 1991 waren es 15 Kinder, Evi Schmölz brauchte nun natürlich Hilfe. Auch diese Hilfe fand sich wie selbstverständlich ein. Lucie Figas lebte damals in Meissen bei Dresden, hörte unser Rufen und kam. Fünf Jahre lang arbeitete sie mit Evi Schmölz zusammen, bis sie sich entschloss, wieder in ihrem früheren Beruf als Bibliothekarin tätig zu sein.

Aber kehren wir zurück nach Polding. Die Kindergruppe wuchs, der Frühstückstisch bekam zwei Anbauten, damit alle Platz hatten. Die Eltern bastelten unentwegt schöne Dinge für die Basare und halfen bei der Gestaltung der Feste. Es war wie eine große Familie.

In dieser Familie reifte dann der Entschluss heran, von einer nur durch Elternbeiträge und Basareinnahmen finanzierten Spielgruppe zu einem bezuschussten, anerkannten Kindergarten zu werden. Wir machten uns also erneut auf die Suche nach geeigneten Räumen – Polding hätte ja den gesetzlichen Voraussetzungen nicht entsprochen, und wieder fügte das Schicksal hier alles so passend zusammen. Markus Prinz brachte uns mit Johannes Ernst in Kontakt, der Holzblockhäuser baute und zur selben Zeit einen Bauplatz für sein Musterhaus suchte. Johannes Ernst sagte einmal in einem Gespräch, dass er schon immer einen Kindergarten bauen wollte.

Ein Bauplatzangebot im Gewerbegebiet von Buchbach schlug er aus, da hier der Kindergarten keine Genehmigung erhalten würde. Zur selben Zeit hatte die Familie Schöngut einen Bauplatz für ihr Haus gefunden, der groß genug war, hier auch das Musterhaus von Johannes und den Kindergarten unterzubringen.

Viele Hände brauchte es nun, um auf der Baustelle zu helfen, das Mobiliar für den Kindergarten gemeinsam zu schreinern, zu streichen, Fliesen zu legen, Vorhänge zu nähen, Lampen zu montieren usw.

Im Mai 1995 trafen sich alle Kindergartenkinder – ab jetzt waren wir ein anerkannter Kindergarten – in Polding, stiegen in einen festlich geschmückten Planwagen, der von zwei Pferden gezogen wurde, und fuhren mit diesem zu ihrem neuen Kindergarten nach Felizenzell. Auf dem Kutschbock saßen Evi Schmölz, die den großen goldenen Schlüssel, den die Kinder gebastelt hatten, verwahrte und Johannes Ernst, der die Pferde lenkte. Der Umzugswagen wurde von vielen radfahrenden Eltern und Geschwistern begleitet, und Evi und Lucie zogen dann mit Musik und Gesang mit ihren Kindern in den neuen Kindergarten ein.

Hier scheint die Geschichte, die in einem kleinen grünen Hüttchen in Höhenberg begann u enden. Dem ist natürlich keineswegs so. Der Kindergarten hat seine dauerhafte Bleibe gefunden, in der sich Evi Schmölz – so erzählte sie mir vor kurzem – so wunderbar wohl fühlt. Der Kindergarten hat sich aber auch weiterentwickelt, verändert. Vor vier Jahren nahmen wir Abschied von Lucie und begrüßten unsere neue Kinderpflegerin Maria Pramps. Evi Schmölz begann vor drei Jahren ihre Weiterbildung zur Waldorferzieherin, die sie im Jahr 2000 abschloss.

Der Gründungsimpuls der Eltern der Anfangszeit hatte seine Aufgabe erledigt, die Initiativkräfte, die mit diesem Impuls verbunden waren, müssen sich nun mit Wachstumskräften verbinden, die mehr im Verborgenen liegen, nicht so leicht sichtbar und offensichtlich sind wie die Initiativkräfte in den Anfangsjahren.

Wenn du ein Schiff bauen willst,
so trommle nicht Männer zusammen,
um Holz zu beschaffen
Werkzeuge vorzubereiten
die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre die Männer
die Sehnsucht nach dem endlosen weitem Meer.

Dieser Spruch von Antoine de St. Exupéry steht auf dem Deckblatt der Kindergartenchronik. Das Schiff wurde gebaut und ist auf Fahrt. Das heißt aber keineswegs, dass sich eine Sehnsucht erfüllt hat. Stets kommen neue Menschen, Kinder und Eltern in die Kindergartengemeinschaft und immer wieder sind Menschen dabei, die Initiativkraft entwickeln und das Schiff in Fahrt halten. Ohne diese Menschen kann ein freier Kindergarten nicht bestehen. Und so danke ich all denjenigen, die den Kindergarten auch nach seiner Gründungszeit weiter erhalten, gestützt und zu seiner Entwicklung beigetragen haben.

Ich wünsche diesem Kindergarten als einer Gemeinschaft von Eltern, Erziehern und Kindern für seine Zukunft alles Gute.

 

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.